
Naturbasierte Gesundheitsförderung im Quartier: Ein Pilotprojekt bringt Naturbegleitungen in Berliner Stadtteile
Stadtnatur tut gut! Das ist keine neue Erkenntnis. Aber wie bringt man sie zu den Menschen, die am meisten davon profitieren würden und wie verankert man diesen Zugang dauerhaft im Quartier?
Genau das haben wir im Rahmen des GiB-Programms gemeinsam mit der Stiftung Naturschutz Berlin (die Naturbegleiter*) von April 2024 bis März 2025 in drei strukturell benachteiligten Berliner Stadtteilen – sogenannten GI-Handlungsräumen – umgesetzt. Die Naturbegleiter* sind ein gesundheitsförderliches Angebot aus der Umweltbildung, bei dem Naturerfahrungen wohnortnah, niedrigschwellig und alltagsnah vermittelt werden (mehr dazu auch im Katalog der erprobten Ansätze).
Ziel war es, Naturerlebnisse als niedrigschwelligen Zugang zu Gesundheit in sozial benachteiligten Quartieren zu verankern und Menschen zu erreichen, die von klassischen Angeboten bisher kaum angesprochen werden. Umgesetzt wurde das Projekt in drei Berliner GI-Handlungsräumen: Neu-Hohenschönhausen (Lichtenberg) sowie Nahariyastraße und Germaniagarten (Tempelhof-Schöneberg), ausgewählt auf Basis des Umweltgerechtigkeitsatlasses Berlin und einer tiefgehenden .
Entwicklung des erprobten Ansatzes der Naturbegleiter* – Vom Fachkräfteangebot zum Peer-to-Peer-Ansatz
Neu an diesem Projekt war, dass statt ausschließlich auf professionelle Naturbegleiter*innen zu setzen, Ehrenamtliche aus den Quartieren qualifiziert wurden, um selbst Naturbegleitungen anzubieten. Diese Multiplikator*innen kennen die Lebensrealitäten vor Ort, sprechen dieselbe Sprache wie die Teilnehmenden und bauen dadurch schneller Vertrauen auf.
Der Peer-to-Peer-Ansatz hat sich dabei als besonders hilfreich erwiesen. Wenn Angebote von Menschen aus der eigenen Nachbarschaft kommen, fällt der Zugang oft leichter als Angebote von außen. Dadurch sinken Zugangsbarrieren und es können auch Zielgruppen erreicht werden, die von klassischen Angeboten bisher kaum angesprochen werden.
Die Ehrenamtlichen wurden über das Seminar „Starter-Set Naturbegleitung“ auf ihre Aufgabe vorbereitet. Die Schulung legte den Fokus auf praktische Naturwahrnehmung, Gruppenleitungsfähigkeiten und Selbstwirksamkeit. Ergänzt wurde die Qualifizierung durch Hospitationen bei hauptamtlichen Naturbegleiter*innen sowie durch regelmäßiges Coaching. Eine Ehrenamtspauschale und eine kostenlose Grundausstattung zur Durchführung der Naturerfahrungen sorgten dafür, dass das Engagement auch für Menschen mit wenig finanziellen Mitteln möglich war.
Ziel war nicht, dass die Ehrenamtlichen eigene komplette Veranstaltungsreihen durchführen können, sondern, dass Sie Elemente der Naturerfahrung in Ihren Alltag in der Nachbarschaft mitnehmen und sie in sonstige ehrenamtliche Angebote, wie Spaziergangsgruppen oder Ausflüge in die Natur einbauen.
Was wurde erreicht – und was hat das bewirkt?
Im Jahr 2024 nahmen 29 Personen an den Starter-Seminaren teil. Anschließend fanden mit ihnen 20 Veranstaltungen statt, 13 davon von den Ehrenamtlichen eigenständig oder in Co-Leitung durchgeführt. Sechs Personen engagieren sich bis heute aktiv weiter.
Die Wirkung zeigte sich auf mehreren Ebenen. Viele der Ehrenamtlichen, die selbst Erfahrungen von Einsamkeit oder sozialer Belastung mitgebracht haben, erlebten die Naturbegleitungen als persönliche Stärkung und gleichzeitig als sinnvolle Aufgabe für andere. Natur wurde zum emotionalen Anker, als Raum, der Abstand vom Alltag ermöglicht, Begegnungen schafft und Wohlbefinden stärkt. Gleichzeitig entstanden in den Stadtteilen neue, niedrigschwellige Zugänge zu Naturerfahrung für Personengruppen, die klassische Umweltbildungsangebote bislang nicht genutzt hatten – Menschen mit wenig Geld, Menschen mit Einsamkeitserfahrungen, Menschen, die wenig Berührungspunkte mit Natur als Gesundheitsressource hatten.
Entscheidend für den Erfolg war die Einbindung in die Fachrunden von GiB und die bestehenden Netzwerke vor Ort. So wurden lokale Träger, Quartiersmanagements und bezirkliche Akteur*innen einbezogen, was Akzeptanz vor Ort schuf und eine passgenaue Umsetzung ermöglichte.
Was hat das Projekt gelehrt?
Die Erkenntnisse aus dem Projekt lassen sich für die Weiterentwicklung und ähnliche Vorhaben nutzen.
In der Startphase ist ausreichend Zeit für den Netzwerkaufbau unverzichtbar, denn ohne belastbare Beziehungen zu lokalen Einrichtungen und Akteur*innen lassen sich weder passende Ehrenamtliche gewinnen noch Angebote nachhaltig verankern. Quartiersansätze sollten dabei flexibel genug sein, um sozialraumübergreifende Aktivitäten zu berücksichtigen, da Zielgruppen nicht immer innerhalb einer Gebietsgrenze erreichbar sind.
Das Projekt hat gezeigt, dass naturbasierte Gesundheitsförderung mit Ehrenamtlichen Menschen in GI Räumen erreicht. Sie wirkt aber nur nachhaltig, wenn sie gut begleitet wird. Gleichzeitig wurde auch hier wieder deutlich, dass das Angebot funktioniert, wenn es vorhandene Strukturen vor Ort gibt. Die Ehrenamtlichen brauchen Begleitung, Ansprechmöglichkeiten und niedrigschwellige und kostenfreie Qualifizierungsangebote. Dies funktioniert mit einer langfristigen und nachhaltigen Finanzierung der Strukturen vor Ort.
Das Qualifizierungscurriculum selbst sollte fachliche Inhalte auf ein Minimum reduzieren und stattdessen auf die individuellen Stärken, Hintergründe und das Empowerment der Teilnehmenden setzen. Menschen kommen mit ganz unterschiedlichen Zugängen zur Natur zur Gruppe und genau das ist eine Stärke, keine Hürde.
Was bedeutet das für Einrichtungen der Gemeinwesenarbeit?
Für Stadtteilzentren, Familienzentren und andere Einrichtungen der Gemeinwesenarbeit liegt der Mehrwert dieses Ansatzes auf der Hand: Ehrenamtliche Naturbegleiter*innen können bestehende Angebote bereichern, ohne dass die Einrichtung eigene Fachkompetenz in der Naturpädagogik aufbauen müsste. Die Einrichtung schafft den Rahmen und die Anbindung – das Programm die naturbegleiter* und GiB unterstützen bei Qualifizierung und Begleitung. Gleichzeitig profitieren die Einrichtungen davon, dass neue Zielgruppen über einen niedrigschwelligen Weg erreicht werden, der auf Vertrauen und Alltagsnähe setzt.
Übertragbarkeit des Ansatzes
Das Pilotprojekt war so angelegt, dass seine Grundlogik auf andere Berliner GI-Handlungsräume und darüber hinaus übertragbar ist – überall dort, wo strukturell benachteiligte Stadtteile, engagierte Einrichtungen vor Ort und der Wunsch nach nachhaltiger Gesundheitsförderung zusammentreffen. Voraussetzung ist eine ausreichende Koordinationskapazität sowie die frühzeitige Einbindung lokaler Akteur*innen. Die GIS-gestützte Datenanalyse auf Basis des Umweltgerechtigkeitsatlasses kann dabei als Instrument für die Standortauswahl genutzt werden.
Ausblick
Die Ausweitung auf weitere Berliner GI-Handlungsräume sowie eine ökologische Aufwertung von Grünflächen rund um die beteiligten Einrichtungen wäre eine sinnvolle Erweiterung. Denn naturnahe und artenreiche Flächen fördern nachweislich die Gesundheit und das Wohlbefinden. Gleichzeitig entstehen im Stadtteil Orte, an denen Menschen zur Ruhe kommen, sich bewegen und miteinander in Austausch treten können.
Wir freuen uns, dass das Projekt über die Stiftung Naturschutz seit 2026 als „Stadtnatur für alle“ weiterentwickelt und fortgeführt wird.


